Wie kommt man auf die Idee, ein Buch zu schreiben?
Menschen, die gern essen und essen gehen, kommen irgendwann auf die Idee, auch zu kochen. Sie sitzen im Restaurant, schmecken den Gewürzen nach und fragen einander: Hm, was ist da drin? Ist das gebacken oder gegrillt? Oder sie sagen sich: Das Gemüse schmeckt toll, aber diese Soße - da muss weniger dies dran und mehr das. In Gedanken sind sie nun nicht mehr nur beim Essen, sondern schon beim Kochen.
Der Überschlag vom Lesen zum Schreiben funktioniert ganz ähnlich. Menschen, die gern viel lesen, fangen zum Beispiel irgendwann an, sich ein anderes Ende der Geschichte zu wünschen. Oder eine andere Hauptfigur. Wie wäre das, wenn diese Geschichte nicht einem alten Mann passiert wäre, sondern einer jungen Frau? Solche Überlegungen sind schon der Anbeginn vom Schreiben.
Wieso ausgerechnet ein Krimi?
"Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften", spottet Günter Grass in seinem Roman "Die Blechtrommel". Eine Geschichte zu haben, ist eine Sache. Sie spannend zu erzählen, ist ein andere.
Beim Krimi ist die Struktur einigermaßen vorgegeben: Man hat ein Verbrechen, einen Ermittler, Verdächtige. Am Anfang steht ein Mord. Und am Ende wird die Tat gesühnt. Wer einen Krimi schreibt, schreibt nach vorgegebenen Strukturen, er hat Spielregeln. Wenn man mit dem Schreiben beginnt, gibt das dem Autor eine gewisse Sicherheit. Später besteht der Spaß dann darin, die Spielregeln zu variieren. Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: In einem Krimi muss ein anständiges Verbrechen stattfinden, das möglichst auch aufgeklärt wird. Und damit das klappt, muss man viel tüfteln. Einen Krimi zu entwerfen hat immer mit Puzzeln, Rätseln und Logik zu tun.
Muss man wissen, wie ein Krimi ausgeht, wenn man einen schreibt?
Es gibt Autoren, die schauen aus dem Fenster, sehen eine einsame Frau am Fluss stehen und überlegen: Was könnte dieser Frau in den nächsten Minuten Schreckliches passieren? Das malen sie sich dann aus. Und schon zücken sie die Feder und beginnen zu schreiben. Doris Gerke bekennt sich dazu, so zu arbeiten. Ingrid Noll auch. Allerdings: Um einen Mord, um Ermittler, um falsche Fährten etc. kommen auch die "Grandes Dames" des deutschen Krimis nicht herum. Deshalb tüfteln sie während des Schreibens, gehen immer wieder in ihrer Geschichte zurück, löschen und schreiben erneut. Sie erfinden ihren Plot schreibend.
Nun kann man sich den Plot auch ausdenken, bevor man mit dem Schreiben beginnt. Man entwirft ihn auf Notizzetteln, zeichnet Mindmaps oder schreibt die Storyline, also den roten Faden, in Form einer Kurzgeschichte auf. Allerdings hat auch diese Methode einen Nachteil. Die Romanfiguren entwickeln nämlich beim Schreiben ein Eigenleben. Man hat sie als Autor zwar selbst erfunden, aber ... Mit jeder Seite, die man über sie schreibt, wird einem klarer, was für Typen sie sind. "Das ist so ein Mensch, der würde in dieser oder jener Situation so oder so handeln", denkt man dann von seiner selbst erfundenen fiktiven Figur. Deshalb kann es passieren, dann man den zuvor ausgedachten Plot beim Schreiben total umwirft, weil er einem nicht mehr psycho-LOGISCH vorkommt.
Warum muss es immer Mord sein?
Ein Kriminalroman handelt von einer kriminellen Tat. Und die schlimmste kriminelle Tat, die wir uns vorstellen können, ist nun mal, einem anderen Menschen das Leben zu rauben. Ein Leitsatz erfahrener Drehbuchautoren lautet: "Wenn deiner Figur noch nicht das Schlimmste widerfahren ist, das ihr widerfahren kann, dann kannst du dein Drehbuch noch verbessern." Voilà. Der Mord ist das Schlimmste Verbrechen, das wir unseren Figuren antun können. Und deshalb muss in jedem guten Kriminalroman ein Mord geschehen.
Kann man das Schreiben erlernen?
Klar kann man das. In der Romantik kam die Idee auf, der Künstler sei ein Genie. Die Muse küsst ihn, er fängt an zu schreiben - oder zu malen - und wie von selbst gebiert er ein Kunstwerk, weil die Erfahrung des Guten, Schönen, Wahren, ja, der Religion im Genie schlummert. Vereinfacht ausgedrückt.
Zwei der größten Romantiker, von Eichendorff und Novalis (alias Freiherr von Hardenberg), hatten im "richtigen Leben" Jura bzw. Bergwerkkunde studiert. Der eine arbeitete als Regierungsrat, der andere in der Direktion einer Saline. Die Poesie war für diese adeligen Workaholics "die schönste Nebensache", bei der sie sich entspannten. Ich unterstelle hiermit, dass ihnen gar nicht bewusst wurde, wie viel gedankliche Arbeit sie beim Schreiben leisteten, da ihr Alltag noch weitaus mehr Logistik von ihnen verlangte als ihre Texte.
Also Schluss mit dem Musenkuss-Unsinn. Schreiben ist ein Handwerk. Und alles, was es dazu braucht, von den Buchstaben des ABC bis zur Dramaturgie, das kann man getrost lernen.
Wie kann man denn zu zweit ein Buch schreiben?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Gerade einen Krimiplot kann man gut zu zweit entwickeln. Man "brainstormt" gemeinsam, wie es neudeutsch heißt, probiert die Möglichkeiten aus, verbessert, denkt wieder neu. Einer hat eine Idee und der andere setzt eins drauf. Das kann man schon im Vorfeld machen, aber auch während des Schreibprozesses. Viele Drehbücher werden so geschrieben. Billy Wilder zum Beispiel hatte mehrere Co-Autoren, die er übrigens alle wahnsinnig machte, weil er beim Nachdenken immer um den Tisch herum rannte.
Und das geht auch: Einer schreibt - und der andere steht ihm beratend bei, liest mit, überprüft die Richtigkeit der Fakten, achtet auf logische Fehler, Lücken im Handlungsablauf, etc. In den Buchverlagen macht diese Arbeit ein Lektor. Er schaut über den Text und berät den Autor beim Schreiben und Überarbeiten.
Als Autorenteam haben Belinda Vogt und ich die ganz brutale Methode angewandt. Der Text wurde hin- und her gemailt und jede durfte verändern, streichen und reinschreiben, was sie wollte. So lange, bis uns beiden der Text gefiel. Dazu braucht man natürlich ein gute Portion gegenseitiges Vertrauen. Außerdem darf man sich nicht zu sehr auf Plots, Figuren, Schauplätze oder andere Lieblingsideen versteifen. Man muss flexibel sein und loslassen können.
Was ist das Schwerste am Schreiben?
Die Frankfurter Schriftstellerin Andrea Paprotta hat einmal in einem Interview gesagt, um Erfolg bei Schreiben zu haben, müsse sie mit ihrem Hintern auf dem Schreibtischstuhl sitzen bleiben. So banal das klingt - es ist tatsächlich die Regel Nummer für ein erfolgreiches Buch. Ich habe schon von vielen angehenden Autoren erste Kapitel zu lesen bekommen, die gut geschrieben, spannend und vielversprechend waren. Aber all diese Menschen haben ihre Geschichten nicht zu Ende aufgeschrieben. Und alle hatten 1ooo Gründe: Der Sommer war zu schön, sie mussten Geld verdienen, sie hatten Kinder, Besuch, den Faden verloren ... Tja nun. Den Hintern auf dem Stuhl zu lassen, das ist wirklich das Schwerste beim Schreiben. Und dazu braucht es einen zähen Willen, den Mut, etwas Verrücktes zu tun, Freude am Geschichtenerfinden und Formulieren, den Glauben an die Wichtigkeit der eigenen Gedanken, kurz: Leidenschaft.